Die Sache mit #3 .. dem Alleinsein

Ich erwische mich zur Zeit oft bei dem Gedanken „versteht eh keiner..“ oder „das sagst du jetzt besser nicht laut“. Und habe mir in den letzten Abenden oft den Kopf darüber zerbrochen ob eben diese Gedanken gerechtfertigt sind oder nicht. Um Klartext zu sprechen: Oft, sehr oft, habe ich das Gefühl dass meine Freunde und meine Familie nicht genau verstehen was es für mich bedeutet auf einem Geburtstag zu erscheinen, spontan shoppen zu gehen, innerhalb von 30 Minuten im Café zu sitzen oder sogar pünktlich zu Verabredungen zu erscheinen. Versteht mich nicht falsch, das hier soll kein Meckern auf hohem Niveau sein. Ich, für mich, als Mutter, finde diese Tatsachen ganz und gar nicht schlimm.

Aber ich stoße oft auf Unverständnis und Vorwürfe, die in diesem Moment mehr weh tun als sonst. Ich habe ein Kind. Mein Kind ist kein kleines, wochen altes Baby mehr sondern ein aktiver und hauptsächlicher Bestandteil meines Lebens, Tages, Planes. Selbst wenn ich es ausnahmsweise schaffe pünktlich aus dem Haus zu können. Mit sauberer Küche, einer Tasche, in der nichts fehlt – für ALLE Eventualitäten auf die man mit Kind so treffen könnte, geduscht und gestylt, heißt das noch lange nicht dass Emma auch Lust drauf hat sich jetzt umziehen zu lassen, die dicke Jacke anzuziehen und im Kinderwagen vor sich hin zu bummeln. Meistens macht mein Kind, und ich schätze mich dafür sehr glücklich, alles mit. Trotz allem hat sie schlechte Tage, Tage an denen sie mir innerhalb von 30 Minuten die Küche auseinander nimmt, Tage an denen sie nicht wie geplant müde ist. Tage an denen ich etwas verschieben muss, ihr mehr Zeit schenken muss, etwas ruhiger mit ihr umgehen muss. Und ich finde, mit solchen Situationen steht man oft alleine da. Whatsappgruppen explodieren vor spontanen Verabredungen, der eine macht früher Feierabend und würde „nur mal eben kurz“ auf nen Kaffee vorbeikommen, damit wir uns den Stress nicht machen müssen in die Stadt zu fahren – äääääh?! wie jetzt? JETZT?!

Ich gebe mir die beste Mühe meine Freundschaften genau so zu pflegen wie vor der Schwangerschaft. Versuche via Telefon Kontakt zu halten, immer schnell zurückzurufen wenn ich nicht abnehmen konnte während dem Windeln wechseln. Aber manchmal geht das eben einfach nicht. Erst recht nicht einfach. Und das verstehen Leute, die keine Kinder haben, eben auch nicht einfach so.

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Oft sitze ich abends auf dem Sofa, Emmas Papa ist arbeiten, ich esse noch eben was und lass mich von sinnlosen TV Sendungen berieseln während ich das Spielzeug-Bausteine-Rassel-Puzzelteile-Chaos beseitige. (Was eigentlich auch nur heißt es von explosionsartigen Zerstreuungen auf einen Haufen zu sammeln.) Und dann, nein. Dann habe ich keine Lust mehr zu telefonieren. Dann habe ich keine Lust mehr auf Besuch. Dann möchte ICH für mich ganz allein da sitzen. Um mal zu denken, durch zu atmen, die Augen zu schließen, zu verdauen. Denn der Spagat zwischen „guter“ Mama sein, gute Angestellte sein, gute Freundin sein, gute Tochter sein, gute Hausfrau sein und vor allem gut mit sich selbst zu sein ist einfach viel zu riesig als dass man ihn an einem Tag mal eben so aufs Parkett legen müsste.

„Du, ich glaube wir schaffen das heute nicht mehr, ich muss mit der Kleinen noch eben Getränke holen, tut mir leid, lass uns das nachholen!“

„Wie, ich dachte ihr wart gestern Getränke holen? Na gut..“

Mal abgesehen davon was es heißt, und das soll hier nur als Beispiel dienen, mit einem Kind das selbst noch nicht läuft, ergo getragen werden muss, Getränkekisten in den 2. Stock zu schleppen, es irgendwo abzusetzen wo es für die nächsten Minuten keinen Mist machen kann, um dann die zweite Ladung mit jedem einzelnen Finger, der dir wegen der einschneidenden Verpackung fast abfällt, hochzuschleppen, auf die Uhr zu schauen und zu denken „Mist, sie muss jetzt eigentlich essen“ oder “ warte mal wann hab ich sie nochmal zuletzt gewickelt?!“, ist es auch verdammt nochmal okay, dass ich das ganze Trara gestern nicht mehr erledigen konnte sondern eben heute nachhole. Das hat nichts mit Ausreden oder „Kind vorschieben“ zu tun, sondern ist das normalste der Welt. Zumindest als Mutter. Und wenn ich das alles dann geschafft habe, dann habe ich auch keine Lust mich noch eine Stunde über sinnlose Geschichten aus dem Nachtleben unserer Stadt zu unterhalten, oder viel mehr sie mir anzuhören. Und das ist okay.

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Man verändert sich, ich habe mich verändert. Und mich macht es stolz am Ende des Tages sagen zu können, dass mein Kind heute glücklich war, mein Haushalt weitestgehend steht, ich nen guten Job gemacht habe und auf jede Nachricht auf meinem Handy geantwortet habe. Das ist genug, für einen Tag. Das nächste mal wenn ich mich Abends dazu entschließe raus zu gehen, mein Kind eventuell sogar wo anders schlafen zu lassen, habe ich wieder alle Zeit der Welt für euer Leben, eure Geschichten, eure Anliegen. Ich habe immer ein offenes Ohr, aber nicht für Gespräche über Nagellack und Haarfarben, nach einem 16 Stunden Tag, der mich vor allem körperlich sehr beansprucht hat. Und ich sehne mich nach noch mehr Freunden und Menschen, die das verstehen und unterstützen.

Noch mehr Menschen, heißt auch, dass ich einige bereits habe, ich habe eine beste Freundin, Emmas Patentante, die hier ankommt, nicht einen Fleck oder einen Krümel auf dem Boden anstarrt, sich mein Kind schnappt und mich fragt “ magst eben duschen? soll ich sie füttern?“ oder auch zum einkaufen mitkommen würde wenn Papa nicht kann, mal eben via Facetime das Kind bespaßt wenn ich Pause brauche oder was erledigen muss, die mir noch nie, selbst an ihrem eigenen Geburtstag wäre sie mir das nicht, böse war wenn ich abgesagt habe. Die weiß, dass wenn sie abends anruft und ich nicht rangehe oder zurückrufe, das nicht böse gemeint ist. Sondern dass ich in diesen Moment an manchen Tage das erste mal wieder ganz einfach nur ich bin. Und sie weiß, wie wichtig das ist. Nehmt euch ein Beispiel, in meinem Leben ist sie der Trumpf, das Ass im Ärmel und die erste Priorität wenn ich irgendwann die Gelegenheit bekomme, ihr all das zurück zu geben. Seid das auch. Nicht für mich, aber für die eine Mama in eurem Umfeld, an die ihr grade denken müsst.

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